Die Passionsspiele von Iveldingen-Montenau 1911 bis 1936
Text: Eric Wiesemes (ZVS 2002)
Korrektur: Joseph Spoden
Fotos koloriert durch KI
Kurz vor der Premiere der Passionsspiele 2025, schickt Joseph Spoden uns folgendes Bild der Montenauer Passionsspiele. Diese fanden im Saal seiner Opas statt. Daraus entstand die Idee zu diesem Artikel. Georg Schmitz
Kein anderer Verein aus Iveldingen-Montenau hat über die Dorfgrenzen hinaus so von sich reden gemacht wie die Passionsspielvereinigung. Viermal – und zwar 1911, 1928, 1931 und 1936 – hat sie das Leiden,
Sterben und die Auferstehung Jesu Christi auf der Bühne nachgespielt.
Sonderzüge und -busse u. a. aus St. Vith, Malmedy, Eupen, Gouvy, Arlon, Antwerpen, Brüssel, der Provinz Limburg, dem Großherzogtum Luxemburg, Aachen und Köln wurden eingesetzt, um die vielen Zuschauer nach Montenau zu bringen. Auch Journalisten von den damals großen nationalen Tageszeitungen (u. a. Étoile, Indépendance, Soir, Journal de Liège, Revue du Touring Club, Le Courrier du Soir, La Meuse) entsandte man nach Montenau.
In den diesbezüglichen Artikeln, zum Teil auf den Titelseiten abgedruckt, brachten die Korrespondenten immer wieder ihr Erstaunen zum Ausdruck, mit welchem Eifer, ja mit welcher Disziplin diese kleine Eifelortschaft die große Passionsgeschichte auf die Bühne zauberte. Dass dabei fast jeder Einwohner aus
Iveldingen und Montenau irgendwie vor oder hinter den Kulissen ins Spielgeschehen mit einbezogen war (diese Leistung muss man sich einmal heute vor Augen führen!), fand natürlich auch lobende Erwähnung.
In anderen Blättern hieß es, dass in Iveldingen-Montenau eine sehr katholische Bevölkerung lebe. Aus diesem Grunde sei es nicht verwunderlich, dass die Leidensgeschichte Jesu in dieser Doppeltortschaft mit einer solch bemerkenswerten Glaubwürdigkeit und Überzeugung gespielt werde. In weiteren Zeitungen
stand zu lesen:
„Man will es einfach nicht glauben: Hier spielen wirklich einfache Dorfbewohner und nicht Profis. Viele der Montenauer haben noch niemals irgendwo anders ein Theaterstück gesehen. Ihre Erfahrungen beruhen ganz einfach auf Selbsterlebtem.“
„Die Montenauer Passionsspiele sind das Geeignete, um schnelllebende Menschen der modernen Zeit wieder inniger mit der Vergangenheit, mit dem, was sich vor 19 Jahrhunderten an den heiligen Stätten Jerusalems zu unserem eigenen Seelenheil ereignete, zu verbinden und uns in eindringlicher Weise darauf hinzuweisen, wo unser Heil zu suchen ist.“
Selbst die große Filmgesellschaft Paramount stellte 1936 einen Antrag, um die Montenauer Passionsgeschichte für die Wochenschau (eine Art Nachrichtensendung im Kino) aufzunehmen. Aus finanziellen Gründen ist dieses Vorhaben aber (leider) nicht realisiert worden. Wir (Paramount) sind im Besitz ihres Schreibens (seitens der Passionsspielvereinigung) und bedauern außerordentlich, dass Sie die Bewilligung zu Aufnahmen ihrer Passionsspiele von einer reichlichen Entschädigung abhängig machen…in welchem Falle wir zu unserem Bedauern von dieser Reportage Abstand nehmen müssen.“
Angefangen hatte alles mit Wilhelm Cloot, geboren am 11. September 1884 in Heppenbach. Er war vor dem Ersten Weltkrieg Lehrer in Iveldingen-Montenau. Cloot war sehr an Theaterinszenierungen interessiert. So zog er manchmal mit Freunden in benachbarte Dörfer, um dort Theateraufführungen zu besuchen.
Ein Bühnenspiel, das nicht unmittelbar vor unserer Haustür, sondern im bayerischen Oberammergau ausgetragen wurde, hat Wilhelm Cloot aber ganz besonders fasziniert und inspiriert: die Passionsgeschichte Jesu Christi.
Das mehrere Stunden dauernde christliche Zeitdokument, in dem der Weg des Leidens bis zur glorreichen Auferstehung Jesu nachgezeichnet wird, hat auch heute nicht an Bedeutung verloren. In Oberammergau hatte unser damaliger Lehrer, wie gesagt, die Passionsspiele als Zuschauer miterlebt. Der Gedanke, Gleiches
zu tun, hielt ihn gefesselt.
In Iveldingen-Montenau zurückgekehrt, besprach Wilhelm Cloot dieses Vorhaben mit seinen engsten Freunden. 1910 fiel dann der Entschluss: In unserer Doppelortschaft werden die Passionsspiele aufgeführt.
In einer Bibliothek hatte man ein Spielbuch gefunden, das als inhaltlicher Leitfaden dienen sollte: „Das Leiden und die Auferstehung Jesu Christi“. Autor war Dr. Berberich. Er hatte das Buch 1896 in Paderborn veröffentlicht.
Im Oktober 1910 rief Wilhelm Cloot eine Dorfversammlung ein, denn am ersten Sonntag der Fastenzeit 1911 sollte bereits Premiere sein. Er wählte unter der Bevölkerung jene Männer und Frauen aus, denen die einzelnen Rollen am besten zugeschnitten waren. Kriterien waren u. a. Charakter, Temperament und
Körperstatur. Die Rollen wurden durchdiskutiert und zum Teil im Rahmen von Einzelproben einstudiert. Die Spieler mussten auf eigene Rechnung die entsprechenden Kostüme anfertigen bzw. kaufen.
Ähnlich wie in Oberammergau waren nicht nur Bauern, sondern verschiedene Berufsklassen auf der Bühne vertreten. Der Christusdarsteller war Landwirt und Schöffe, „Judas“ war Bahnbeamter, „Apostel Johannes“ war Angestellter bei einer Sparkasse, „Apostel Petrus“ war Maurer, die „Jungfrau Maria“ war Lehrerin, usw.
90 Bühnendarsteller opferten nun mehrmals pro Woche für die diesbezüglichen Proben. Das war wahrhaftig eine Glanzleistung, denn verschiedene Familien beteiligten sich mit bis zu 6 Personen aktiv an den Passionsspielen.
Wie eine große Familie handelte die Dorfgemeinschaft, und so versah mancher Nachbar Sonntag für Sonntag das Vieh dieser betroffenen Familien. Regie führte natürlich der Initiator selbst: Wilhelm Cloot, der über ein ausgeprägtes Durchsetzungsvermögen und über viel Überzeugungskraft verfügte.
Am Karnevalssonntag des Jahres 1911 erfolgte die Generalprobe im alten Saal Spoden, der damals noch längs der Dorfstraße lag. Dieser Saal (20 Meter Länge und sechs Meter Breite) fasste höchstens 150 bis 200 Personen. Die Hauptrollen spielten u. a. August Spoden (Christus), Peter Jousten (Judas), Thomas Knips (Apostel Petrus) und die Schwester des Regisseurs Maria Cloot (Maria).
Da in unserer Doppelortschaft nicht genügend Akteure zu finden waren, beteiligten sich noch einige Deidenberger an den Spielen. Wilhelm Cloot hatte anfangs beabsichtigt, die Passionsspiele wie in Oberammergau unter freiem Himmel aufzuführen. Eine große Waldlichtung inmitten des Wolfsbusches sollte die nötige Kulisse hergeben. Schließlich sah man von diesem Vorhaben ab, da die rauen
Witterungsbedingungen der Eifel dies nur bedingt zuließen.
Die von Ehrgeiz angestachelten Montenauer, Iveldinger und Deidenberger spielten die 1911 insgesamt zwölfmal aufgeführte Passionsgeschichte Jesu Christi mit solch einer Überzeugung, dass sie zu einem großen Erfolg wurde. Mit diesen Lorbeeren geschmückt versprach man, die Passionsspiele von nun an alle fünf Jahre, d. h. jedes Jahr, welches mit einer 1 oder 6 endet, zu wiederholen. Aber auch diesen mutigen Laienspielern der Leidensgeschichte Jesu Christi wurde der Erste Weltkrieg (1914-1918) zum Verhängnis.
Viele Spieler kamen an die Front; Christusdarsteller August Spoden kämpfte sogar auf den Schlachtfeldern Russlands. So trat eine ungewollte Spielpause ein, doch alle damaligen Passionsspieler kehrten vom Krieg zurück.
Auch die politische Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg – unsere Doppelortschaft wechselte durch den Versailler Vertrag 1919/1920 von Deutschland nach Belgien – zögerte eine Neuauflage der Passionsspiele hinaus. 1928 war es dann soweit. Bereits Ende 1927 hatte sich die Passionsfamilie wieder zusammengefunden. Nach der Rollenverteilung begannen die Proben, die vom Jungmann bis zum Greis viel Talent und Fleiß erforderten. Auch die alten Bühnenrequisiten wurden erneut hervorgeholt, um diese auf Vordermann zu bringen oder den Bestand zu erweitern.
Des Weiteren gab sich der „Passions-Spiel-Verein“, so die offizielle Bezeichnung im November 1927 eigene Statuten, die der Nachwelt erhalten geblieben sind. Aus diesen Statuten nachfolgend einige interessante Passagen:
- „Der Zweck der Passions-Spielvereinigung besteht in der Aufführung des Passionsspiels in dem Rahmen wie es 1911 bereits zur Aufführung gekommen ist, und überhaupt in der Förderung der guten Bühnenkunst.“
- „Die Spielvereinigung setzt sich zusammen aus Einwohnern von Iveldingen, Montenau und Deidenberg. Mitglied ist jeder, der aktiv an der Aufführung beteiligt ist. Der Präsident ist zugleich Spielleiter (Regisseur).“
- „Da größere Unkosten zu bestreiten sind, so wird eine Zeichnung in den Ortschaften Montenau, Iveldingen und Deidenberg aufgenommen und zwar vorerst nur bei Mitgliedern des Vereins. Der eingezahlte Betrag wird mit 6% verzinst, rückzahlbar am 1.6.28.“
- „Jedes Mitglied zahlt einen einmaligen Pflichtbeitrag von 100.-frcs als Sicherheit betreffs seiner Mitwirkung. Dieser Beitrag verfällt der Vereinskasse, falls das Mitglied nicht aktiv mitwirkt. Nur Krankheit entbindet von dieser Verpflichtung.“
- „Der eventuelle Überschuss wird nach Deckung aller Unkosten zum Besten der Kirche Iveldingen–Montenau verwandt. Der auf die Mitspieler von Deidenberg entfallende Anteil wird an die Betreffenden ausgezahlt.“
- „Bei ev. Verlust haften alle Mitglieder solidarisch für den Fehlbetrag und wird dieser von der Einlage abgezogen.“
Die Zahl der Akteure vor und hinter den Kulissen – inklusive Chor – wurde von 90 (1911) auf 140 (1928) erweitert. Inzwischen war auch ein neuer Saal gebaut worden, der 600 Sitzplätze und 100 Stehplätze umfasste. Gespielt wurde übrigens während der Fastenzeit jeden Sonntag. Die Spieler mussten sich bereits um 12 Uhr im Saal einfinden, Beginn war um 13.30 Uhr.
Das Bühnenspiel selbst dauerte rund viereinhalb Stunden, zuzüglich einer 30minütigen Pause. Während des religiösen Theaters gelangten 20 farbenfrohe Szenen aus dem alten und neuen Testament zur Aufführung – vom Einzug in Jerusalem bis zum Abschlusslied „Großer Gott wir loben dich“.
1931 wurden die Passionsspiele wiederholt, und noch immer waren es größtenteils dieselben Darsteller, die die einzelnen Rollen verkörperten. Hatte man bei den ersten Spielen noch Schwierigkeiten mit der Beleuchtung gehabt, so stand jetzt elektrisches Licht zur Verfügung. 1911 hatten aus Köln herbeigeschaffte Autobatterien noch zur Beleuchtung ausgeholfen.
In all den Jahren hatten die Passionsspiele viele Zuschauer nach Montenau angezogen und so wurde unsere kleine Eifelortschaft am Ufer der Amel in nah und fern, bei Volk und Presse bestens bekannt. Regisseur Wilhelm Cloot war mittlerweile als Lehrer in Born tätig. Unzählige Male legte er den Weg von Born nach Montenau zurück, um die Proben fachmännisch zu leiten.
1936 war ein Jubiläumsjahr für die Passionsspiele in Montenau. Bereits im September 1935 hatte man mit den Proben begonnen. Der große Saal Spoden rüstete sich dem bevorstehenden Besucherandrang. Drei große Kreuze mit den Jahreszahlen 1911, 1936 und der Inschrift „25“ schmückten den Haupteingang und im Winde flackerten mehrere Kirchenfahnen.
Julius Dehez aus St. Vith entwarf und malte die Bühnenbilder und Peter Scheufler, ebenfalls aus St. Vith, hatte als Perückenmacher und Schminker alle Hände voll zu tun.
Im Kellergeschoss, dem Aufenthaltsraum unter der Bühne, mussten die Spieler sich während der Inszenierung aufhalten, wenn sie nicht gerade oben auf den Brettern standen.
Endlich, am Sonntag, dem 23. Februar 1936, war es dann so weit. Ein Chor aus 40 Sängern und Sängerinnen, alle in blau-weißen Tuniken gekleidet, hielt die Zuschauer von Anfang an in seinen Bann.
Beim Einzug in Jerusalem wirkten erstmals Kinder unter fünf Jahren mit. Manche mussten noch auf dem Arm getragen werden. Übrigens: Sollte mal einer der Hauptdarsteller (u. a. Christus, Pilatus, Kaiphas, Judas) erkranken, so konnte man direkt auf Ersatzhauptdarsteller zurückgreifen. Neben dem Spielleiter Cloot stand übrigens Pfarrer Wolbeck für Kirchenfragen, theologische Aspekte beratend zur Seite.
Die Spielzeit 1936 musste wegen der großen Nachfrage noch um einige Wochen verlängert werden. Am Sonntag, dem 10. Mai 1936, öffnete sich zum letzten Mal der große Vorhang. Auch an diesem Tage war der Saal Spoden restlos ausverkauft. Damit hatten 1936 rund 10.000 Christen die Montenauer Passionsspiele besucht.
Von dem erspielten Geld wurde übrigens eine Orgel für unsere Kirche gekauft, die bereits am 8. November 1936 ihrer Bestimmung übergeben wurde.
Des Weiteren legte man im Rahmen der Generalversammlung vom 15. Mai 1936 fest, die Passionsspiele 1941 wieder aufzuführen. Doch vier Jahre nach dem letzten Spielsonntag brach der Zweite Weltkrieg aus. 1941 wurde nicht gespielt.
Am 12. Juli 1944 verstarb in Ligneuville Wilhelm Cloot, Initiator und Spielleiter der Montenauer Passionsspiele. Einige Passionsspieler mussten ihren eigenen Leidensweg in diesen harten Kriegsjahren antreten und kamen von der Front nicht mehr zurück.
Heute gehören der „Passions-Spiel-Verein“ und die Montenauer Passionsspiele der Vergangenheit an und die Worte haben sich nicht bewahrheitet, die der Sekretär J. Müller auf der letzten Seite des Protokollbuches niederschrieb: „…Und so besteht die feste Zuversicht, dass dies erhabene Heimatspiel noch Generationen fortdauern wird, zu Ehren Gottes, zum Wohle der Kirche, zum Segen der Pfarrgemeinde.“
Erwähnenswert sei noch abschließend Folgendes: 1936 haben auch einige Kelmiser den Montenauer Passionsspielen beigewohnt. Bei uns im Dorf holten sich die Kelmiser ihre ersten Anregungen. Denn bei der Heimreise stand fest: In Kelmis wird ein Passionsspiel aufgeführt. Und diese Tradition hält in der Göhltalgemeinde – im Gegensatz zu Montenau – noch heute an. Siehe Link…